Seemannsgarn Gerhard Schmeußer

Es ging auf Mitternacht zu und nur noch wenige Gäste waren mit mir in jener Hafenkneipe in Ishtar übrig geblieben. Wir hatten uns um einen Tisch beim Kamin zusammengefunden, denn die Nacht war kalt und lauschten dem Garn eines alten Seemanns, der sich dafür von uns frei halten liess. Eine einzige Kerze erhellte die schummrige Gaststube und durch das kleine Fenster konnte man die Schiffmasten im Hafen mit dem Vollmond dahinter sehen. Die Luft war schwer von Tabakrauch, dem Geruch des eigenartigen Biers, das sie in Ishtar herstellten sowie allen möglichen anderen Ausdünstungen, die uns die Köpfe vernebelten.

Der alte Seemann war von jener unerschütterlichen Robustheit, wie sie nur sein Beruf hervorbringen konnte. Sein Gesicht war von unzähligen Abenteuern vernarbt. Die Farbe seiner alten Jacke konnte man nur noch erraten und auf dem Kopf trug er ein Käppchen aus Filz, wie es alle Matrosen in Ishtar taten. Er hatte in seinem Leben die ganze Welt gesehen und demenstprechend war sein Schatz an Anekdoten und fantastischen Geschichten unerschöpflich. Genauso wenig wie sein Durst, doch war es für uns ein verhältnismässig billigen Vergnügen, so dass wir ihn bei Laune hielten um uns den Abend zu vertreiben.

„Habt ihr schon einmal von einem Geisterschiff gehört? Bestimmt! Es gibt viele Geschichten und ich sage euch, die meisten sind erstunken und erlogen. Aber ich, der alte Arke habe tatsächlich eines gesehen. Ihr fragt euch vielleicht, was daran Furchtbares und Gefährliches sein sollte - nun, ich wünsche keinem von Euch, dass euch eines begegnet!"

Der Alte blickte erwartungsvoll in die Runde und als niemand etwas dagegen sagte, nahm er einen tiefen Schluck aus seinem Krug und begann seine Geschichte.

„Es war auf meiner letzten Fahrt, die ich nach Dai'lan mitgemacht habe. Das Schiff hiess Meerjungfrau und gehörte einem Kaufmann von hier. Wir waren bis unter die Decksplanken mit feinstem Holunderwein beladen, jo Holunderwein. Das war eine verlockende Fracht für uns Leute, aber der Käpt'n hatte ein Auge darauf und hätte jeden eigenhändig über Bord geworfen, der sich daran vergriffen hätte.

Unsere Fahrt führte zunächst über die rötliche See und die Tage vergingen träge. Die Sonne schien uns den ganzen Tag auf die Köpfe und der Wind blies stetig, so dass nicht allzu viel zu tun war. Die Nächte waren klar und ich sah jeden Abend zum Himmel hoch und zählte die Sternschnuppen. Auch wenn gar kein Anlass bestand, doch bei jeder wünschte ich mir, dass ich diese Fahrt heil überstehen würde, denn eine schlechte Vorahnung bedrückte mich.

Dann kamen wir an den berühmten Felsen von Zandria mit seinen Tempeln vorbei. Die goldenen Dächer der Türme leuchteten prächtig im Abendrot und ihr Glockengeläut begleitete uns ins Südmeer. Ich war von diesem Anblick glücklich, aber unser Steuermann, der neben mir stand deutete nach oben und lenkte meinen Blick auf unseren höchten Mast. Eine Krähe hatte sich darauf niedergelassen und hob mit einem seltsamen Krächzen ab um an Land zurück zu fliegen. Ein schlechtes Zeichen, meinte der Steuermann ernst und strich sich über seinen grauen Bart, ein schlechtes Zeichen.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, aber das Wetter, das anfangs noch lau und sanft war, verschlechterte sich von nun an Stunde für Stunde, je weiter wir ins Südmeer vordrangen.

Es wurde die finsterste Nacht, die ich je erlebt hatte. Ein Sturmwind kam auf, packte die Meerjungfrau mit eisigen Klauen und jagte sich vor sich her. Wir hatten alle Hände voll zu tun, die Segel herunter zu holen und alles fest zu machen. Die Wolken verdeckten jedes Licht am Himmel, so dass wir nichts sehen konnten ausser unser Schiff, das von ein paar Laternen beleuchtete wurde. Plötzlich aber rissen sie auf und der Mond trat hervor, der volle Mond, der sich versteckt gehalten hatte und ergoss sein Licht über die die brodelnde See. Alle Männer waren gebannt von diesem Anblick und hielten inne, man hätte meinen können, sie seien auf einen Schlag mondsüchtig geworden. Und dann geschah etwas Unglaubliches."

Unser Erzähler machte eine Pause, blickte in die Runde und nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug. Wie die Mannschaft der Meerjungfrau waren auch wir verzaubert und sagten kein Wort.

„Am Heck der Meerjungfrau konnte ich Lichter blitzen sehen. Ein anderes Schiff war hinter uns aufgetaucht und holte schnell auf. Es hatte schwarze Segel und aus seinen Luken leuchteten rote Lichter, als ob es innerlich brennen würde. Sein Kapitän musste verrückt sein, denn es fuhr mit voller Takelung. Indes schien ich der einzige zu sein, der es bemerkt hatte, alle anderen starrten wie verzaubert den Mond an. Ich schrie den Steuermann an, auszuweichen, aber er nahm mich nicht wahr. In kürzester Zeit hatte das seltsame Schiff uns eingeholt und ich konnte auf sein Deck sehen - es war keine Menschenseele an Bord. Es segelte direkt auf uns zu als ob es uns rammen wollte und ich machte mich auf den Zusammenstoß gefasst, ein Zusammenstoss der uns alle auf den Grund des Meeres schicken würde. Doch es gab keinen Aufprall, das Geisterschiff, denn ein solches war es, fuhr wie ein Nebel mitten durch die Meerjungfrau hindurch. Einen Moment sah ich nur Schatten, stand auf dem Deck von zwei Schiffen gleichzeitig, der Mast fuhr an mir vorbei, die roten Luken und die schaukelnden Positionslampen und dann war der Spuk vorüber. Und ich war alleine auf der Meerjungfrau zurück geblieben, denn meine Kameraden hatte das Geisterschiff mitgenommen."

Die Stimme des Alten war heiser geworden und er nahm einen Schluck, bevor er zu Ende erzählte.

„Fragt mich nicht, warum gerade ich verschont wurde und ich erspare euch auch die Geschichte, wie ich jemals wieder Land unter die Füsse bekam. Und ich verdanke es unter anderem dem Holunderwein, dass ich am Leben geblieben bin. Wie auch immer, dass ich hier bin und Euch meine Geschichte erzählen kann, beweist ja wohl, dass sie wahr ist."

Unsere Runde ging auseinander und auch ich sagte Gute Nacht. Als ich einen letzten Blick aus dem Fenster warf, auf den Hafen von Ishtar, wo der volle Mond die Mastspitzen der Schiffe beleuchtete, sah ich eine Sternschnuppe, die über den Himmel fuhr und in der Kälte verglühte. Ich bin seitdem nie mehr in jener Kneipe gewesen, aber ihr könnt sie gerne besuchen, falls ihr nach Ishtar kommt. Vielleicht ist der alte Seemann noch da und erzählt euch eine Geschichte. Sie heisst "Zum Lockvogel".


Diese Reizwortgeschichte enstand im Kurs kreatives Schreiben aus Sternschnuppe, Meerjungfrau, Käppchen, Blitzen, Vernarbt, Krähe, Purzelbaum (weggelassen), Holunder, Jagen, Sturmwind, Durstig, Glockengeläut, Mondsüchtig, Lockvogel

Erschienen in

Von Wanderern und Brückenfesslern
Die Schreiberlinge