Mutprobe Peter Hellinger

Es war ein heißer Tag im September. Blauer Himmel spannte sich über die Hügel des Westerwalds und vom Haus meiner Oma konnte man weit über das Tal fast bis Westerburg sehen. Oma Gertrud, die wir Kinder nur "dicke Oma" nannten, hatte uns aus dem Haus gescheucht. "Geht spielen, und steht hier nicht im Weg!" hatte sie uns in ihrem Koblenzer Dialekt angeblafft, der für uns aus dem fränkischen Teil der Familie ziemlich schwer zu verstehen war. Also sammelte sich der Trupp Kinder vor dem Haus und beratschlagte, was man wohl tun könne.

Wie immer führte Großmaul Ralf das Wort. "Wir gehen runter zum Mühlbach!" streitlustig blickte er in die Runde, und obwohl er weder der Älteste noch der Stärkste von uns Weberskindern war, gab es keinen Widerspruch. Und so setzte sich das Gefolge aus Brüdern, Schwestern, Vettern und Cousinen in Marsch und trottete hinter Ralf den Hügel hinab zur Bahnlinie, auf der alle paar Stunden der Schienenbus zwischen Limburg und Westerburg fuhr.

Am Fuße des Hügels angekommen türmte sich mehrere Meter hoch und steil der Bahndamm vor uns auf. Ihn mussten wir überwinden um auf der anderen Seite zum Mühlbach zu kommen, doch die nächste Straßenunterführung lag kilometerweit weg und zu diesem Umweg hatten wir keine Lust.

Ralf kletterte natürlich allen voran den Damm hoch, legte sich platt auf die Gleise und presste sein Ohr an die Schiene. "Ich höre ob der Zug kommt!" rief er, "Das hab ich bei Winnetou gelesen!" Natürlich hatten wir das alle gelesen, und natürlich mussten wir alle hören, ob der Zug kommt, und tatsächlich war auch schon ein leichtes Vibrieren zu spüren.

"Los, kommt weiter" drängelten die Mädchen und kletterten schon auf der anderen Seite den Damm hinunter. Nur noch Ralf und ich waren jetzt noch auf dem Damm. "Also ich warte, bis der Zug kommt." sagte er und blickte mich abschätzig an. "Die Feigen können ja weitergehen." "Die Feigen sind schon weitergegangen!" antwortete ich, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute über Ralfs Schulter, ob ich den Schienenbus schon sehen konnte. "Mach was du willst, ich geh hier als letzter weg!" meinte Ralf und tat so, als wäre ich gar nicht mehr da.

Nun war das tröten des Signalhorns zu hören und die Gleise summten laut. "Seid nicht so blöd, kommt da jetzt runter!" hörte ich die Stimme meiner Schwester, starrte aber weiter über Ralfs Schulter auf den jetzt deutlich sichtbaren Zug. "Ich hab Zeit!" schrie ich zu den anderen, meinte aber Ralf.

Der Lokführer hatte uns jetzt gesehen, denn das Signalhorn schrillte im Dauerton und vermischte sich mit dem Quietschen der Bremsen. Immer näher kam der Zug, doch wir machten keine Anstalten ihm aus dem Weg zu gehen. Die Kinder unten am Damm schrien, Ralf lachte, das Horn dröhnte und die Bremsen kreischten. Der Schienenbus war nur noch Meter entfernt! "Spring, du Idiot!" brüllte Ralf, und wir beide sprangen vom Gleis herunter, purzelten den Damm hinab und blieben keuchend unten liegen. Oben rollte der Zug über die Stelle, an der wir eben noch gestanden hatten und kam zum Stehen. Lachend machten wir uns aus dem Staub, während der Lokführer Verwünschungen hinter uns her schrie.