Versteckspiel Peter Hellinger

Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, und wenn ich daran denke, bekomme ich nach all den Jahren immer noch eine Gänsehaut. Ich war damals noch ein kleiner Junge; meine Eltern waren in jenem Sommer verreist, und ich durfte die Ferien bei meinem Großvater verbringen.

Großvater wohnte im Haus „Felsenquelle“, am Rande der Stadt, schon fast im Wald. Den Namen trug es, weil hinter dem Haus ein Bach entsprang, der am Gartenzaun entlang in einem steinigen Graben vorbei floss. Es war ein großes, altes Haus, voller Geheimnisse und seltsamer Dinge, die Großvater von seinen vielen Reisen mitgebracht hatte.

Ich streunte mit den Nachbarskindern meistens durch den Wald, spielte im Garten, oder tobte bei schlechtem Wetter durch das Haus. Großvater störte das nicht. Er saß meistens in der Bibliothek im Obergeschoss, wo er an seinen Büchern arbeitete - und er hatte bestimmt tausende davon. Ich fragte ihn oft, ob er die Bücher auch alle gelesen hatte, dann lächelte er immer verschmitzt und fragte zurück: “Was glaubst du?“

Eines Tages spielten wir Verstecken im Haus. Das Wetter war nicht besonders, den ganzen Tag schon hatte man das Grollen von Gewittern gehört, und düstere Regenwolken hingen tief vom Himmel herab. Felix war mit Suchen dran, und wir anderen – Tom, Kevin und ich – suchten uns Verstecke, auf die er nicht sofort kommen würde. Ich schlich nach oben, zur Bibliothek. Hinter den ganzen Regalen würde sich schon ein Plätzchen für mich finden, und ich hatte mich noch nie dort versteckt.

In Großvaters Bibliothek durften wir eigentlich nicht spielen, vor allem nicht, wenn er arbeitete. Aber er war in die Stadt gefahren, und so dachte ich mir nichts dabei, als ich die schwere Türe aus dunklem Holz an dem matt gewordenen Messingknauf aufzog und mich durch den Spalt in den Raum zwängte.

Vorhänge aus purpurrotem Samt hingen vor den Fenstern, und machten das ohnehin schon düstere Licht noch eine Spur finsterer. An den Wänden standen hohe Regale, übervoll mit Büchern. Hinten im Zimmer standen ein kleiner Tisch, voll mit schmutzigen Kaffeetassen und Gläsern, und daneben ein großer Ohrensessel, ebenso rot und samtig wie die Vorhänge, aber abgewetzt und an den Armlehnen schon etwas fadenscheinig. Schnell lief ich hinter den Sessel und setzte mich auf den Boden. Hier würde mich Felix niemals finden!

Allmählich wurde es immer dunkler im Zimmer, und ich musste meine Augen schon ganz schön anstrengen, um noch etwas erkennen zu können. Langsam wurde ich übellaunig, denn Felix schien sich gar keine Mühe zu geben, mich zu finden. Vielleicht waren die Drei schon längst nach Hause gegangen, und lachten sich schlapp über mich, bei der Vorstellung, wie ich in meinem Versteck saß, und keiner suchen käme.

Plötzlich war mir, als hätte sich jemand im Zimmer bewegt. Ich schüttelte den Kopf und spähte hinter meinem Versteck hervor. Ein seltsames Schimmern schien von den Regalen auszugehen, ganz schwach, wie Mondlicht. Noch während ich überlegte, woher das Licht kam, verdichtete sich der Glanz zu einem Nebel, der direkt aus den Büchern zu strömen schien. Vollkommen lautlos bildete sich ein Wirbel, der nach und nach Gestalt annahm. Immer heller wurde das Licht und ich musste die Augen zukneifen, bis es schlagartig verlosch.

Als sich meine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich ihn: Der Mann stand mitten im Raum und blickte sich um. Eine Art Leuchten ging von ihm aus, als ob sich das Licht um ihn sammelte. Ich konnte mich vor Schreck gar nicht rühren: Den Mann hatte ich noch nie gesehen, und ich war mir sicher, dass er auch nicht zu Großvaters Freunden gehörte.

Er trug einen langen Gehrock, wie er Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, dazu gestreifte Hosen, ein weißes Hemd und eine breite Krawatte, die mit einer Perlmutt verzierten Nadel festgesteckt war. Aus der schwarzen Weste, die unter dem Gehrock hervor sah, hing eine goldene Uhrkette, die in der Westentasche verschwand. In seiner linken Hand hielt er einen Spazierstock mit silbernem Griff und in der Rechten ein paar Handschuhe und einen Zylinder. Sein volles, dunkles Haar war an den Schläfen ergraut, doch sein sorgfältig geschnittener Schnurrbart war tiefschwarz.

Unheimlich genug, dass er mitten in Großvaters Bibliothek scheinbar aus dem Nichts erschienen war, aber das violette Leuchten in seinen Augen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Sein Blick schien alles zu durchdringen, sogar den Ohrensessel, hinter dem ich mich versteckte.

„Hallo, mein junger Freund! Magst du nicht hervorkommen, und mir etwas Gesellschaft leisten?“ Die Worte klangen zuckersüß, doch in seiner Stimme lag ein kalter Befehlston, dem ich mich nicht zu widersetzen traute. „Komm her, Junge! Es wird dir nichts passieren!“ Widerwillig stand auf.

Gerade als ich hinter dem Sessel hervor treten wollte, flog mit einem Krachen die Tür zur Bibliothek auf. Helles Licht stürzte in das Dunkel und plötzlich stand Großvater im Zimmer.
„Moriaty! Zurück in dein Buch!“
„Niemals!“ antwortete der Fremde.
In einer Bewegung warf er Zylinder und Handschuhe beiseite und zog aus seinem Stock eine lange, gefährlich aussehende Klinge.
„Muss ich erst ausrasten, Moriaty?“
Großvaters Stimme war leise aber bestimmt, als er aus seiner Jacke einen langen, bleistiftähnlichen Stab zog.
„Das wagst du nicht!“

Der Fremde bewegte sich langsam auf den Sessel zu, hinter dem ich immer noch stand. Großvater schlug mit dem dünnen Stab dreimal gegen das nächste Bücherregal. Es gab einen hellen Blitz, ich schloss geblendet die Augen und kauerte mich hinter den Sessel. Ich hörte noch wie Großvater „Holmes! Watson! Packt ihn!“ rief, und Gläser und Tassen klirrend über den Tisch tanzten. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in meinem Bett. Großvater saß auf dem Stuhl davor und lächelte mich an. „Na, alles in Ordnung?“
Ich nickte. „Was ist passiert?“
„Weißt du, alte Bücher haben manchmal die Angewohnheit, nicht nur im Kopf des Lesers lebendig zu werden. Das kann auch gefährlich sein, besonders wenn man es mit Professor Moriaty zu tun hat!“
„Der Mann im Anzug?“ fragte ich, und Großvater nickte.
„Der große Gegenspieler von Sherlock Holmes. Aber schlaf jetzt, das war genug Aufregung für einen Tag!“
Ich lies mich wieder in die Kissen sinken und schlief lange und traumlos.

Das ist nun schon viele Jahre her. Großvater ist längst tot, und Haus „Felsenquelle“ musste einem Einkaufszentrum weichen. Was aus der Bibliothek geworden ist, weiß ich nicht, vermutlich wurden die Bücher verkauft. Ich selbst lese nur noch E-Books. Da bin ich mir sicher, dass die Figuren bleiben, wo sie sind.


Eine Reizwortgeschichte, die wir im Rahmen unserer Gruppe gemacht haben. Im Text mussten folgende Worte vorkommen: Messingknauf, E-Book, Felsenquelle, purpurrot, ausrasten, Tischtanz, grollen, streunen, widerwillig, zuckersüß, übellaunig. Beim Tischtanz hab ich etwas gemogelt.

Zu lesen in

Feuergott
Peter Hellinger (Hrsg.)