Der Zeitreisende Gerhard Schmeußer

© NASA

Sind Sie schon einmal einem Zeitreisenden begegnet? Sicher halten Sie meine Frage für Unsinn. Dabei haben Sie bestimmt schon einmal über die Möglichkeit von Zeitreisen nachgedacht. Ich meine jetzt nicht im übertragenen Sinn, in dem man eine gedankliche Zeitreise macht. So wie in einem Museum. Nein, ich meine, wenn jemand in die Vergangenheit oder die Zukunft kommt. Ich will Ihnen etwas verraten, weil Sie so nett waren, mich zu einem Bier einzuladen: ich bin ein Zeitreisender aus der Zukunft. Das Jahr aus dem ich komme, möchte ich nicht verraten. Nehmen Sie es als Marotte von mir weil ist sonst das Gefühl habe, zu viel von mir zu verraten.

Jetzt werden Sie sagen, Zeitreisen, so ein Quatsch, was erzählt der da, so etwas ist unmöglich und überhaupt, wo kämen wir hin, wenn es so etwas gäbe? Aber ich halte ja auch nichts von Science Fiction! Bloß, denken Sie einmal Eintausend Jahre zurück. Hätte Ihnen damals jemand geglaubt, dass es eines Tages möglich sein werde, auf dem Mond zu landen? Oder jederzeit mit jeder Person auf der Welt zu reden? Na also!

Ich könnte Ihnen jede Menge Beispiele von Zeitreisenden nennen oder was Zeitreisende hervorgebracht oder angestellt haben. Haben Sie sich nie gewundert, dass bahnbrechende Erfindungen von ungebildeten Leuten gemacht wurden? Wie bis dato völlig unbekannte Personen zu Macht oder Reichtum gelangten? Warum sind die Dinosaurier plötzlich ausgestorben? Ein Meteorit? Ich sage hier nur ein Wort: Großwildjagd!

Sie sind ganz bestimmt schon jeder Menge Zeitreisender begegnet ohne es zu wissen. Ja, freilich, die meisten Zeitreisenden ziehen es vor, anonym zu bleiben. Warum? Das dürfte offen auf der Hand liegen: weil sie durchweg für verrückt erklärt werden. Also einmal sagen kann man es schon, aber man darf nicht darauf bestehen. Ich frage Sie, haben Sie sich schon einmal in einem Irrenhaus umgesehen? Sie sind voll von Leuten, die behaupten, aus einer anderen Zeit zu kommen! Ja, das passiert mit den Zeitreisenden, die nicht aufpassen. Sie verstehen nun vielleicht besser, warum ich vorsichtig geworden bin. Und nun kommt die unausweichliche Frage, warum ich noch frei herum laufe. Nun, sehen Sie mich an. Sie kennen mich nicht. Eigentlich müsste ich ein Penner sein, ein Landstreicher. Sehen Sie mein Jackett, meine Schuhe. Von fernem mag es noch passabel aussehen, doch von Nahem gesehen sie sind alt und abgetragen. Mein Geld ist verbraucht, ich bin sozusagen in der Vergangenheit gestrandet. Es kostet mich einiges an Mühe, nicht vollends unter die Räder zu kommen. Vor allem muss ich Sparen, Sparen und nochmals Sparen.

Warum ich kein anderes Auskommen finde, ist leicht zu erklären. Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Identität, keine Zeugnisse, keinen überprüfbaren Lebenslauf. Natürlich hat so jemand keine Chance, einen Beruf ausüben zu können. Nicht einmal als Straßenfeger oder Müllmann. Ich bin praktisch ein illegaler Einwanderer. Aber, warum bin ich ausgerechnet in Ihre Zeit gekommen? Um reich zu werden! Wie übrigens die meisten Zeitreisenden. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit Ihrem jetzigen Wissen in die Vergangenheit zu reisen? Die billigste Methode wäre wohl, sich die Lottozahlen zu beschaffen, eine Woche vorher aufzukreuzen, einen Tipp abzugeben und die Millionen einzustreichen. Ein Plan, der so einfach ist, dass er schon alleine ausreicht, die Hypothese einer Zeitreise ad absurdum zu führen, denn wo sind die ganzen Millionäre? Er funktioniert nämlich nie!

Nicht, dass es nicht Tausende versucht hätten. Es liegt an der Natur des Zufalls. Die Vergangenheit ist nämlich von der Zukunft unabhängig. Sie ist nur im Groben so, wie wir sie in Erinnerung haben. Der Zufall, die ganz feinen Ereignisse, die wiederholen sich nicht. Und im Grunde ist es gut so, denn sonst könnte sich die Vergangenheit vor Lottomillionären, gesprengten Spielbanken oder Börsengewinnern nicht mehr retten. Und diese Leute wären wirklich lästig, da sie nicht mehr in die Zukunft zurückkehren wollten, sondern hier herumhängen würden und ihr Geld verprassen würden. Ich gebe zu, dass es Ausnahmen geben mag wo es doch klappt, doch wie gesagt, es ist reiner Zufall. Jetzt begreifen Sie vielleicht, warum es immer wieder vorkommt, dass jemand sein ganzes Geld beim Glücksspiel verspielt. Das sind meistens Zeitreisende, mit Gewalt ihre Fantasien umsetzen wollen. Ich hatte aber einen völlig anderen Plan. Ich wollte Erfindungen machen. Natürlich keine echte Erfindungen, sondern etwas, was es in der Zukunft schon gab.

Welche Errungenschaften der Wissenschaft und Technik sind wohl nicht auf dem Mist des Erfinders gewachsen, sondern einfach nur aus der Zukunft importiert? Ich kann Ihnen sagen, mehr als sie glauben! Die Menschen sind nämlich gar nicht so erfinderisch wie sie denken. Oder haben Sie sich noch nie gewundert, warum bei dem ganzen Aufwand, der in die Universitäten und die Forschung gesteckt wird, so wenig heraus kommt? Und dann kommt irgendein Genie daher und voila, der Durchbruch ist da! Das ist wirklich zum Lachen, da sich meistens ein Zeitreisender dahinter verbirgt.

Einem Einwand will ich hier gleich zuvorkommen. Spricht gegen meine Behauptung nicht, dass die großen Genies alle eine Kindheit hatten? Wie passt das zusammen, wenn sie erst im Erwachsenenalter aus der Zukunft aufgetaucht sein sollen? Aha, aber das ist der gleiche Grund, warum ich unerkannt bleiben muss. Man braucht nämlich immer einen Geschäftspartner, der aus der Vergangenheit stammt, damit das Ganze legal ist. Und, es macht das Leben viel einfacher wenn man jemand hat, der sich mit den Sitten und Gebräuchen der jeweiligen Zeit auskennt. Denn auch mit der besten Idee kann man kein Geld machen, wenn man nicht weiß, wie man sie vermarkten kann. Und davon kennen Sie bestimmt auch genug Beispiele. Im Grunde erklärt der Zeitreisetourismus die gesamte Wirtschaft, vom Wunder bis zum Börsenkrach.

Doch zurück zu mir. Ich kam also mit einem Plop in Ihrer schönen Stadt an. Ich blickte mich um und alles sah so aus, wie ich es auf den alten Bildern gesehen hatte. Hervorragend, dachte ich mir, wie erwartet! Und wie herrlich altmodisch doch alles ist. Die Leute warten schon auf mein Genie. Mein Koffer war gefüllt mit den fantastischsten Erfindungen. Jede war eine technische Revolution und ein todsicheres Geschäft.

Wissen Sie, seitdem bin ich nur auf der Suche nach jemanden, der eventuell einsteigt. Was halten Sie von einer Maschine, die Nahrungsmittel kühl hält, damit sie nicht so schnell verderben? Das wäre doch sehr praktisch! Was gibt es schon unter dem Namen Kühlschrank? Der Name gefällt mir nicht, also ich würde es Frisch-o-Mat nennen. Ach so, das hat bereits jeder. Also schön, ich könnte Ihnen eine Beteiligung an einem Projekt anbieten, das auf dem Prinzip beruht, dass Information in Energie umgewandelt werden kann. Es nutzt das Internet als Energiequelle. Man abonniert so viel Spam-Mail wie möglich und wandelt sie dann in Strom um. Dabei gewinnt man praktisch die Energie zurück, die zum Erstellen durch den Absender aufgewendet wurde. Sicher das funktioniert, in der Zukunft gibt es ganze Kraftwerke die mit Spam geheizt werden. Was der Haken dabei ist? Dass man viel, ja sehr viele Mails braucht, damit es sich lohnt, so an die 100 Milliarden pro Tag. Ihr Computer würde das nicht aushalten? Schade.

Dann haben Sie vielleicht Interesse an einem aus Eins mach Zwei Automaten? Das ist eine Maschine, die oben und unten eine Klappe hat. In die obere legt man einen beliebigen Gegenstand. Dann drückt man einen Knopf und aus der anderen Klappe kann man eine exakte Kopie entnehmen. So ähnlich wie einer Ihrer alten Fotokopierer, nur für Gegenstände. Das wäre doch toll oder? Das Problem ist nur, ich weiß bloß ungefähr, wie er funktioniert. Aber vielleicht können wir beide ja einen Fachmann finden, der den Rest beitragen könnte. Nein?

Ich sehe schon, sie glauben mir nicht. Oder Sie halten mich für verrückt. So geht es mir leider immer. Trotzdem danke ich Ihnen für die freundliche Einladung. Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Zeit gestohlen. Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch.